Gussteile sind allgegenwärtig. Sie stecken in Fahrzeugen, Maschinen, Energieanlagen, Gebäuden und zahllosen Produkten des täglichen Lebens. Was selbstverständlich funktioniert, beginnt oft mit einem anspruchsvollen Giessprozess: Aus flüssigem Metall entstehen präzise Bauteile, die hohe Anforderungen an Material, Qualität und Zuverlässigkeit erfüllen müssen.
Der Giesserei-Verband der Schweiz (GVS) vertritt die Interessen der Schweizer Giesserei-Industrie. Er vereint Eisen-, Stahl-, Leicht- und Buntmetall- sowie Druckgiessereien und bringt zudem Lieferanten, Gönner und Einzelpersonen zusammen. Der Verband engagiert sich für die politische Interessenvertretung der Branche, die Aus- und Weiterbildung, Arbeitssicherheit und Umweltthemen. Fachanlässe, Weiterbildungen, aktuelle Brancheninformationen und der Austausch mit Politik, Wirtschaft und Behörden gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben. Der GVS versteht sich damit als Stimme und Netzwerk der Schweizer Giesserei-Industrie.
Dabei geht es auch darum, ein Berufsfeld sichtbarer zu machen, das Tradition, handwerkliches Können und moderne Technologie verbindet. In der Schweiz führen mehrere Ausbildungswege in die Giessereibranche; darauf bauen vielfältige Spezialisierungen und Weiterbildungen auf. Gerade angesichts des Fachkräftemangels will der Verband junge Menschen, Eltern und Lehrpersonen für die Berufsbilder und ihre Perspektiven sensibilisieren.
Im Interview sprechen Martin Kilchhofer, der neue Präsident des GVS, sowie Geschäftsführer Marcel Menet über die zentralen Fragen der Branche: Wie gewinnt die Giesserei junge Fachkräfte? Wie verändern Automatisierung, Digitalisierung und spezialisierte Bauteile die Berufsbilder? Und wie behaupten sich Schweizer Unternehmen angesichts des starken Frankens, hoher Energie- und Netzkosten sowie zunehmender handelspolitischer Hürden? Ihr gemeinsamer Blick nach vorn ist klar: Die Schweiz soll trotz möglicher Verlagerungen von Grossserien ein Standort für Entwicklung, Innovation und anspruchsvolle Fertigung bleiben.
Herr Kilchhofer, Sie sind Präsident des Giesserei-Verbands der Schweiz GVS – was ist Ihre persönliche Verbindung zur Giessereibranche und was fasziniert Sie bis heute an diesem Industriezweig?
Martin Kilchhofer: Die Faszination für die Giesserei wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Schon mein Vater und mein Ur-Grossvater waren Giesser. Das hat mich dann auch zur Lehre im elterlichen Betrieb und anschliessend zum Studium Giessereitechnik motiviert. Bereits seit 2005 führe ich nun unsere «Giesserei Thun Kilchhofer » in vierter Generation. Die Verbindung des archaischen Fertigungsverfahrens mit neuster Technik und der enorme Wandel, den die Branche in den letzten 20 Jahren dadurch erlebt hat, machen unsere Industrie für mich so spannend.
Schauen Sie auch auf eine solch lange Tradition zurück, Herr Menet?
Marcel Menet: Da kann ich nicht ganz mithalten. Meine erste Berührung mit der Giessereitechnik war rein theoretischer Natur, in den späten 80er-Jahren während meines Studiums zum Werkstoffingenieur an der ETH. Vertieft kennengelernt habe ich das jahrtausendealte Formgebungsverfahren dann mit Übernahme der Geschäftsleitung des Giesserei-Verbands im Jahr 2006. Seither beeindruckt mich immer wieder, wie traditionsreich und gleichzeitig innovativ auf die Zukunft gerichtet unsere Mitgliedsfirmen sind.
Wofür steht der Giesserei-Verband der Schweiz – welche Unternehmen und Akteure vertreten Sie?
Kilchhofer: Der Giesserei-Verband der Schweiz, kurz GVS, vertritt die Interessen der Schweizer Giesserei-Industrie. Von den Eisen-, Stahl-, Leicht- und Buntmetall- bis zu den Druckgiessereien sind bei uns alle vertreten. Neben den 46 Firmenmitgliedern zählen auch Lieferanten, Einzelpersonen und Gönner dazu. Insgesamt umfasst der GVS rund 90 Mitglieder.
Warum lohnt es sich, Mitglied im GVS zu sein?
Kilchhofer: Die Mitgliedschaft im GVS bedeutet, nah dran an der Branche zu sein. Man erhält aktuelles Wissen aus erster Hand, eine starke Stimme in der Politik und direkten Zugang zu einem breiten Netzwerk. Wir unterstützen unsere einzelnen Mitgliedsfirmen bei Bedarf direkt, bündeln aber vor allem auch ihre Anliegen und bringen sie wirkungsvoll in politische Prozesse und die öffentliche Diskussion mit ein. Der GVS ist aktiver Mitgestalter von Normen, Vereinbarungen und Gesetzen. Wir fördern die Interessen unserer Branche auch durch Aus- und Weiterbildungen. Wir organisieren beispielsweise regelmässige Webinare, Workshops oder Fachanlässe wie den Eisenguss- Tag und die Nichteisenguss-Tagung.
Welchen Mehrwert bieten Sie Ihren Mitgliedern im Alltag?
Menet: Kurz gefasst: Vom Arbeitsrecht bis zu den aktuellen Zollbestimmungen erfahren unsere Mitgliedsfirmen alle Neuerungen von uns aus erster Hand. GVS-Mitglieder profitieren dafür unmittelbar und zeitnah von unseren breit abgestützten agilen Beziehungen in Politik, Behörden, Finanzen, Wirtschaft und Medien. Zudem versorgen wir unsere Mitglieder mit hilfreichen Kennzahlen, Statistiken und Prognosen oder auch mit Rahmenverträgen, die den Alltag erleichtern.
Giessereien stehen oft am Anfang der industriellen Lieferkette – wie verändert diese Position als Zulieferer den Blick auf andere Branchen?
Kilchhofer: Wer wie wir am Anfang der industriellen Lieferkette steht, kennt Trends, Investitionszyklen und technologische Entwicklungen oft bereits, bevor diese im Markt sichtbar werden. Giessereien sind frühzeitig in neue Projekte eingebunden und arbeiten gleichzeitig für die Fahrzeugindustrie, den Maschinenbau, den Anlagenbau und den Energiesektor sowie für das Bauwesen und viele weitere Branchen. Dadurch entsteht ein einzigartiger Querschnitts-Blick auf die gesamte Industrielandschaft. Wir verstehen, wie die verschiedenen Wirtschaftszweige funktionieren und verschaffen unseren Kunden damit viele Vorteile.
Welche Giessereiberufe gibt es konkret und welche Rolle spielen sie in der Produktion?
Menet: Der GVS bietet zwei zentrale Lehrberufe an: Gusstechnologe oder Gusstechnologin sowie Gussformer oder Gussformerin. Beide arbeiten an der Herstellung von Gussteilen aus Stahl-, Eisen- und Leichtmetalllegierungen. Die einen planen, steuern und optimieren die Produktion inklusive Qualitätssicherung und Giessversuchen. Die anderen fertigen Formen und bedienen sowie programmieren die Anlagen. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass aus Idee und Metall präzise Bauteile entstehen.
Warum ist eine Lehre in der Giessereibranche ein attraktiver Einstieg in die Tech-Welt?
Kilchhofer: Technische Innovationen sind der ständige Motor und machen die Arbeit mit modernen Anlagen, Automatisierung und komplexen Werkstoffen besonders interessant für junge Leute. Unsere Berufsbilder bieten solide Entwicklungsmöglichkeiten, Spezialisierungen und gute Weiterbildungschancen bis hin zu höheren Fach- und Führungsfunktionen. Unsere gut ausgebildeten Fachkräfte sind weltweit gefragt.
Wie macht der GVS die Giessereiberufe bekannt?
Menet: Wir gehen aktiv auf die Abschlussklassen, Eltern und Lehrpersonen zu und sind mit eigenen Ständen an Berufsmessen vertreten. Zusätzlich betreiben wir die Plattform giessereiberufe.ch, auf der wir die Berufe, Lehrstellen und Entwicklungsmöglichkeiten in der Giesserei-Industrie gut verständlich zeigen. Dazu gehört auch ein Videoclip über den authentischen Tag eines Lernenden, der auf Social Media gezielt junge Menschen anspricht. Diese Kombination funktioniert gut, weil sie nahbar und praxisorientiert ist.
Welche Herausforderungen gibt es und wie reagiert der GVS?
Menet: Der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften ist eine grosse Herausforderung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Automatisierung, Spezialisierung und kürzere Entwicklungszyklen. Wir setzen deshalb stark auf unsere Ausbildungsinitiativen, eine enge Zusammenarbeit mit den Schulen und auf unser duales Bildungssystem. Wenn wir die Innovationskraft der Schweizer Giessereien erhalten, sind wir auch attraktiv für den Nachwuchs.
Wo spüren die Schweizer Giessereien die grössten Belastungen?
Kilchhofer: Am stärksten spüren unsere Mitglieder die anspruchsvollen Rahmenbedingungen: Neben dem anhaltenden Fachkräftemangel sind dies der starke Franken, die hohen Energie- und vor allem die steigenden Netzkosten. Die Energiepreise haben sich zwar etwas stabilisiert, aber Abgaben und Netzentgelte bleiben hoch und belasten die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich deutlich.
Wie wirken sich «Buy European»-Klauseln und neue Handelshemmnisse aus?
Menet: Um nur ein Szenario aus dem ersten Halbjahr 2026 herauszugreifen: Italiens protektionistische Steuervergünstigungen konnten zwar abgewendet werden. Macht diese Politik aber in der EU Schule, dann sinken unsere Absatzchancen, etwa auch in unserem wichtigsten Exportmarkt, Deutschland. Wir erleben nahezu täglich neue «Buy European»-Klauseln. Also zusätzliche administrative Auflagen, neue Zollregeln und auch gesetzliche Exportbeschränkungen. Das führt schrittweise zu mehr Marktabschottung und engerem Spielraum.
Was erwarten Sie von der Politik?
Kilchhofer: Wir setzen uns gemeinsam mit anderen Industrieverbänden für einen diplomatischen wirtschaftspolitischen Dialog ein. Insbesondere in den Gesprächen mit der EU und mit den USA ist es entscheidend, dass faire Handelsbedingungen gesichert bleiben und protektionistische Tendenzen nicht weiter zunehmen.
Wo stehen die Giessereien bei Automatisierung und Digitalisierung?
Kilchhofer: Unsere Mitglieder investieren grosse Summen in Automatisierung und Digitalisierung. Das ist kein Trend, sondern eine zentrale Voraussetzung, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Durch effiziente Prozesse, hohe Qualität und schnelle Reaktionsfähigkeit können wir unsere Stärken ausspielen.
Was bedeutet das konkret für Prozesse, Produkte und Mitarbeitende?
Menet: Die Arbeitsplätze in unserer Industrie werden damit noch attraktiver. An den Schweizer Standorten werden wir in Zukunft als verlängerte Werkbank für unsere Kunden noch stärker Entwicklungs-Know-how und Innovationskraft bündeln für immer komplexere, spezialisierte Gussteile. Dabei sind unsere gut ausgebildeten Mitarbeitenden entscheidend. Mit ihrem tiefergehenden Verständnis für moderne Produktions- und Fertigungsprozesse ermöglichen sie die kürzeren Produktzyklen, hohen Qualitätsstandards und unsere Liefertermintreue.
Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Rolle soll der Standort Schweiz künftig spielen?
Kilchhofer: Entscheidend wird sein, dass wir unseren technologischen Vorsprung gezielt weiter ausbauen und wettbewerbsfähig bleiben. Teilverlagerungen von Grossserienproduktionen ins Ausland sind realistisch, während die Entwicklung und Spezialisierung auf innovative Bauteile hierzulande stattfindet. Die Schweiz soll auch künftig unser Zentrum für Innovation, Entwicklung und anspruchsvolle Fertigung bleiben.
Giessereiberufe: Technik, Teamwork und Zukunft
Die Plattform «Giessereiberufe» richtet sich an Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen. Sie informiert über Ausbildungswege, Lehrstellen und Entwicklungsmöglichkeiten in der Schweizer Giesserei-Industrie. Im Zentrum stehen die Lehrberufe Gusstechnologe/-technologin und Gussformer/-in.
Fachleute aus der Praxis erzählen, weshalb sie sich für die Branche entschieden haben und welche Perspektiven ihnen ihre Ausbildung eröffnet hat. Die Website zeigt zudem, wie modern die Arbeit in der Giesserei heute ist: Gefragt sind technisches Verständnis, Präzision und der Umgang mit automatisierten Produktionsanlagen. Eine Lehre schafft eine Basis für Weiterbildungen – etwa bis hin zu Fach- und Führungsaufgaben.