Die Tech-Industrie ist Export-Champion, Innovations-Weltmeisterin, wichtige Arbeitgeberin und Ausbildnerin. © Stadler Rail AG

Martin Hirzel: «Gute Rahmenbedingungen – das heisst für unsere Unternehmen auch: weniger Aufwand und tiefere Kosten.» © Swissmem

Standort Schweiz und die Tech-Industrie stärken

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Während in anderen Ländern die Tech-Industrie darbt, ist sie in der Schweiz stark – noch immer. Sie hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Es besteht eine gewisse Hoffnung, dass es ab Mitte dieses Jahres wieder aufwärts geht. Anlässlich der jahrespressekonferenz Anfang März referierte Martin Hirzel, Präsident Swissmem, zu diesem Thema.

Damit die Tech-Industrie auch in Zukunft Export- Champion, Innovations-Weltmeisterin, wichtige Arbeitgeberin und Ausbildnerin bleibt, muss auch unser Land die Weichen richtigstellen. Die Schweiz braucht eine starke Tech-Industrie – die Tech- Industrie braucht starke Rahmenbedingungen.

Krisen sind in der Schweizer Tech-Industrie nichts Besonderes: Ich zähle sieben in den vergangenen 15 Jahren. Besonders an der aktuellen Situationist das Zusammenfallen von zwei Problemen: Ein weltweiter, konjunkturell bedingter Nachfrageeinbruch bei Investitionsgütern und die währungsbedingte Verteuerung der Schweizer Produkte.

Werkplatz Schweiz

Noch eine andere Entwicklung macht mir Sorgen – nicht für unsere Unternehmen, sondern für den Werkplatz Schweiz: Bei Investitionen wird zunehmend nicht mehr die Schweiz berücksichtigt, sondern beispielsweise die USA mit ihren Subventionen in Milliardenhöhe. Es ist absehbar: Das Wachstum auf Pump wird für diese Staaten nicht aufgehen. Die Schweiz handelt weise, wenn sie darauf nicht mit Industriepolitik reagiert, sondern mit bewährten, liberalen Rezepten. Ich komme darauf zurück.

Der zweite Faktor, der den Unternehmen 2023 enorm zu schaffen gemacht hat, ist die Frankenstärke. Man hörte Unkenrufe in einzelnen Medien: «Alles halb so schlimm.» Dazu sage ich mit dem unternehmerischen Blick: Die Theorie ist das eine,  die Praxis etwas ganz anderes. Zwar hat die Tech-Industrie tatsächlich gelernt, eine Überbewertung zu stemmen. Auf einen markanten Aufwertungsschub innerhalb weniger Wochen – wie zwischen Mitte November und Ende Dezember 2023 – können die Firmen aber nicht per Knopfdruck reagieren. Die Aufwertung hat sich jüngst etwas korrigiert. Der Franken bleibt gegenüber dem Euro im Vergleich zur Kaufkraftparität dennoch um rund 5 Prozent überbewertet. Für die Firmen, in denen ich engagiert bin, ist das ein reales und grosses Problem.

Wie geht es weiter?

Die Situation ist fragil und die weitere Entwicklung äusserst ungewiss. Ein neuer Aufwertungsschub beim Franken oder ein durch politische Ereignisse ausgelöster Schock könnte die Abwärtsspirale wieder verstärken. Eine Entwarnung wäre deshalb fehl am Platz. Die Durstrecke hält weiter an. Verhalten positiv stimmt mich jedoch erstens, dass sich der Rückgang bei den Auftragseingängen im vierten Quartal 2023 abgeschwächt hat. Zusammen mit dem leichten Aufwärtstrend bei den Einkaufsmanagerindices schürt dies die Hoffnung, dass die Talsohle des Abschwungs Mitte dieses Jahres erreicht sein könnte.

Ein zweiter Grund für vorsichtigen Optimismus: Die Schweizer Tech-Industrie hat kein strukturelles Problem. Die Firmen sind in ihrer Nische höchst erfolgreich: dank Innovation, Automatisierung, Qualität. Trotz der hohen Kosten und der harten Währung bleiben sie wettbewerbsfähig. Die Tech-Industrie hat ihre Produktivität und Wertschöpfung in den vergangenen 20 Jahren massiv erhöht und beschäftigt heute mehr Mitarbeitende als zu Beginn des Jahrtausends. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass wir auch aus dieser schwierigen Lage gestärkt hervorgehen.

Jetzt kommt das Aber: Unsere Unternehmen können in der Schweiz nur dann erfolgreich bleiben, wenn die Politik ihr den Rücken stärkt. Das ist eigentlich keine Zauberei. Es muss für die Firmen einfacher und kostengünstiger werden, in der Schweiz zu entwickeln, zu produzieren und in die Welt zu verkaufen.

Gefragt ist die Besinnung auf wirtschaftspolitische Tugenden: Marktzugang und Rahmenbedingungen. Ich nenne Ihnen die wichtigsten Beispiele.

Derzeit sind die indischen Importzölle von bis zu 22 Prozent für Schweizer Exportfirmen ein Wettbewerbsnachteil auf dem riesigen Markt. Ermutigend ist auch, dass das Freihandelsabkommen mit China erweitert werden soll, und auch mit dem Mercosur eine Einigung in Griffweite ist.

Die Bilateralen III sind sehr wichtig

Zudem braucht es noch in diesem Jahr eine tragfähige, stabile Verhandlungslösung mit der EU. Swissmem unterstützt mit Nachdruck die Bilateralen III. Wir exportieren 80 Prozent, rund 57 Prozent davon geht in die EU-Staaten. Sie bleiben auf  lange Sicht der wichtigste Handelspartner der Schweiz. Und wenn wir von Bilateralen III sprechen, geht es nicht nur um privilegierten Marktzugang. Es geht auch um Fachkräfte. Um die Forschungsprogramme. Um ein Stromabkommen. Lassen wir die Gegner den bilateralen Erfolgsweg nicht schlechtreden. Die Schweiz profitiert enorm davon – wie auch die Unternehmen unserer Industrie mit 330 000 Mitarbeitenden und 20 000 Lernenden.

Ein Trauerspiel – und ein Spiel mit dem Feuer – bieten die Gewerkschaften mit dem Versuch, sachfremde Geschenke von der Arbeitgeber-Seite zu erpressen. Swissmem unterstützt Verbesserungen in der Umsetzung der Lohnschutz-Massnahmen. Das kriegen wir gemeinsam hin. Zusätzliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt wie erleichterte Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen oder nationale Mindestlöhne lehnen wir hingegen entschieden ab. Die FlaM betreffen nicht einmal 1 Prozent der Arbeitnehmenden – und unsere Branche, wie viele andere Wirtschaftsbereiche, überhaupt nicht.

Gute Rahmenbedingungen – das heisst für unsere Unternehmen auch: weniger Aufwand und tiefere Kosten. Politische Entscheide haben direkte Auswirkungen auf die alltägliche Belastung der Firmen. Oft ist gut gemeint, nicht gut gemacht.

Die Lohngleichheitsanalyse zum Beispiel soll einem Ziel dienen, das unsere Branche bereits heute vorbildlich umsetzt: keine Diskriminierung von Mitarbeiterinnen. Doch in der Praxis machen haarsträubende Vorgaben den Firmen das Leben schwer. Der Bund weigert sich aus Ideologie, offensichtliche Systemfehler zu beheben.